"Schaffe, schaffe, Häusle baue.“ Ein Satz, der sich anhört wie ein Schulterklopfen und ein Antreiber zugleich. Einer, der nach schwäbischer Tugend riecht, nach Fleiß, nach Bodenständigkeit, nach dem guten Gefühl, etwas Ordentliches aus seinem Leben gemacht zu haben. Und vielleicht ist genau das der Punkt um den es heute geht: Dieses Sprichwort ist längst mehr als ein regionaler Kalenderspruch. Es ist ein innerer Kompass unserer Gesellschaft geworden. Einer, der vielen von uns leise zuflüstert, wann wir "richtig“ sind. Und wann eben noch nicht. Denn was meint dieses Häusle eigentlich? Es geht ja selten nur um Ziegel, Dach und Grundbuch. Das Häusle steht für Sicherheit. Für Ankommen. Für den Beweis, dass sich all das Mühen gelohnt hat. Dass man durchgehalten, gespart, verzichtet hat. Eigentum als sichtbares Zeichen: Ich habe es geschafft.
Aber wer hat diesen Maßstab eigentlich festgelegt?
In vielen Gesprächen schwingt er mit, dieser unausgesprochene Vergleich. Zwischen denen, die "schon was Eigenes haben“, und denen, die noch mieten. Zwischen denen, die sesshaft geworden sind, und denen, die beweglich geblieben sind. Eigentum wird schnell zu einer Art stiller Bewertung. Nicht laut oder gar böse - aber dennoch wirksam. Als würde Besitz etwas über unseren Wert erzählen. Dabei lohnt es sich, genauer hinzuhören.. Eigentum verpflichtet, heißt es. Ein nüchterner Satz, fast technisch. Und doch steckt darin so viel mehr. Verpflichtung bedeutet Verantwortung. Bindung. Fixpunkte. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Eine Immobilie kann Geborgenheit schenken - und gleichzeitig ein unsichtbares Netz sein, das uns hält. Oder festhält.
Freiheit und Besitz stehen in einem spannenden Verhältnis. Wir kaufen Sicherheit und zahlen manchmal mit Beweglichkeit. Wir entscheiden uns für Beständigkeit und verabschieden uns von der Leichtigkeit des Einfach-Weiterziehens. Das ist kein Vorwurf oder eine Bewertung dessen. Es ist eine Beobachtung. Und vielleicht eine Einladung, ehrlich hinzuspüren: Fühlt sich das, was ich mir aufgebaut habe, nach mir an? Oder nach dem, was man eben halt so macht?
Interessanterweise stellen sich ganz ähnliche Fragen in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen
Auch sie binden. Auch sie verpflichten. Auch sie brauchen Pflege, Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit. Nähe entsteht nicht von selbst - sie kostet Zeit, Offenheit, manchmal auch Bequemlichkeit. Wer sich einlässt, gibt ein Stück Autonomie ab. Nicht, weil jemand sie nimmt, sondern weil echte Verbindung immer bedeutet, nicht mehr nur um sich selbst zu kreisen. Und genau hier taucht oft diese leise Angst auf: Wenn ich mich binde, verliere ich meine Freiheit. Aber verlieren wir sie wirklich - oder tauschen wir nur eine Form von Freiheit gegen eine andere?
In Beziehungen wie im Eigentum verwechseln wir Freiheit manchmal mit Unverbindlichkeit. Mit der Option, jederzeit gehen zu können. Doch was, wenn Freiheit auch heißen darf, bleiben zu wollen? Sich festzulegen, ohne sich zu verlieren. Verantwortung zu übernehmen, nicht aus Zwang, sondern aus Wahl. Eine Beziehung kann eng machen, ja. Sie kann aber auch Halt geben, Wachstum ermöglichen, Spiegel sein. Genauso wie ein Haus Schutz bieten kann - oder eben zur Last wird, wenn es nicht mehr zum eigenen Leben passt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass viele Menschen sich vor beidem fürchten: vor Bindung in Beziehungen und vor Bindung durch Besitz. Beides konfrontiert uns mit Dauer. Mit der Tatsache, dass nicht alles jederzeit rückgängig zu machen ist. Dass Entscheidungen Konsequenzen haben. Und dass genau darin eine Tiefe liegt, die wir uns wünschen - und gleichzeitig scheuen.
Ein zweiter Vergleich drängt sich fast von selbst auf: unsere Arbeit, unsere Karrieren, unsere Titel. Auch hier sammeln wir. Verantwortung. Status. Sicherheiten. Ein fester Job, ein gutes Gehalt, ein klarer Weg - all das gibt Halt und Anerkennung. Und gleichzeitig bindet es. An Erwartungen. An Rollen. An ein Bild davon, wer wir zu sein haben. Wie beim Haus und wie in Beziehungen stellt sich auch hier die Frage: Dient mir das noch? Oder halte ich daran fest, weil Aufgeben sich wie Scheitern anfühlt?
Unsere Glaubenssätze spielen dabei eine größere Rolle, als wir oft zugeben. Viele von uns sind mit der Vorstellung groß geworden, dass Sicherheit etwas ist, das man besitzen muss. Dass man vorsorgen, absichern, festmachen sollte, was geht. Nicht aus Gier, sondern aus Angst. Angst vor dem Absturz, vor dem Nicht-genug-Sein, vor dem Gefühl, keinen Platz zu haben.
Was wäre, wenn wir diese Glaubenssätze einmal vorsichtig anheben und darunter schauen? Wenn wir uns erlauben zu fragen, ob Eigentum wirklich das ist, was uns trägt - oder ob es manchmal auch etwas ist, woran wir uns festhalten, weil wir gelernt haben, dass Loslassen gefährlich ist. Vielleicht liegt Erfolg nicht im Haben, sondern im Vertrauen. Vielleicht zeigt sich Reife nicht im Besitz, sondern in der Fähigkeit, Bindungen bewusst zu wählen. Zu wissen, wofür wir Verantwortung übernehmen wollen - und wofür nicht. Zu erkennen, dass Sicherheit nicht nur aus Mauern besteht, sondern auch aus Beziehungen, aus Sinn, aus innerer Stabilität.
"Schaffe schaffe Häusle baue“ muss kein falscher Satz sein. Aber vielleicht darf er ergänzt werden. Um eine Frage. Oder mehrere. Schaffe ich für mich - oder für ein Bild? Baue ich mir ein Zuhause - oder eine Verpflichtung, die mich einengt? Und was bedeutet für mich ganz persönlich eigentlich dieses "angekommen sein“? Vielleicht beginnt echte Freiheit genau dort, wo wir uns trauen, diese Fragen zu stellen. Ohne Urteil. Ohne Vergleich. Sondern mit der ehrlichen Neugier darauf, was uns wirklich trägt.
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